Migräne und Marihuana: Was uns oft verschwiegen wird …

Dieser Text handelt von einer längst vergessenen Medizin. Denn nichts anderes war Cannabis (“Marihuana”) für unsere Vorfahren. Und das Zeug half! Unter anderem gegen Kopfschmerzen im Allgemeinen und Migräne im Besonderen. Warum das heute kaum noch jemand weiß? Genau das will ich hier erzählen.

Wer sich jetzt wundert und meint, das hat hier nichts verloren: Auch CBD ist ein Hanfwirkstoff. Unsere Vorfahren wussten noch, dass THC-reiches Marihuana mindestens ebenso gut bei Migräne wirken kann.

Wie alles begann

Als William O’Shaughnessy nach langen Jahren in Kalkutta endlich in seine Heimat zurückreiste, hatte er “was dabei”, wie wir heute sagen würden. Weil das Ganze aber im Jahr 1839 stattfand, interessierte das niemanden. Unbehelligt kehrte er nach England zurück, packte aus und begann unverzüglich, den Stoff an seine Kollegen zu verteilen.

Doch der Mann war kein Dealer, sondern Arzt. Ihm ist es zu verdanken, dass die westliche Medizin eine andere Art von Hanf kennenlernte als die hier heimische: mit viel THC und einem Riesenpotenzial als Heilpflanze.

Indischer Hanf – viel THC, viel Power

Die Pflanze nannte man “indischen Hanf”, cannabis indica. Sie sollte die westliche Medizin revolutionieren. Dass sie heute als Heilmittel quasi vergessen ist, liegt nicht etwa daran, dass O’Shaughnessy sich geirrt hätte. Die kommenden Jahre und Jahrzehnte sollten es zeigen, wie wirkmächtig diese Pflanze ist: Was nun begann, dauerte bis zum Cannabisverbot im Jahr 1937 in den USA. 100 Jahre lang lief der wohl größte Feldversuch in der westlichen Medizin.

Exakt 100 Jahre nutzten Ärzte Cannabis zur Behandlung der unterschiedlichsten Krankheiten. Bei den meisten zeigte sich die Pflanze überaus effektiv.

Marihuana und Migräne – Grundlagen der modernen Medizin

Fallbeispiel Migräne. Die folgenden Aussagen und Zitate stammen aus der sehr lesenswerten und gründlichen Übersicht von Ethan Russo “Hemp for Headache” (2001). Der Neurologe und Cannabis-Forscher zitiert darin Dutzende Ärzte aus Originalquellen.

Lesetipp:
Auch du kannst den Text lesen. Es lohnt sich! Online findest du ihn in voller Länge und kostenlos unter dieser Adresse! Link zur Datenbank researchgate.

Cannabis hilft gegen Migräne: Diese Ärzte wussten Bescheid!

Häufig stellen die Ärzte des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts dasselbe fest. Cannabis helfe bei Migräne vor allem prophylaktisch, heißt es. Mehr noch: Dieses Mittel sei sogar besonders effektiv. (1)

Bei kontrollierter Abgabe erziele es erstaunliche Resultate, und sei wesentlich weniger gefährlich als beispielsweise Opium (2).

Es reduziere die Zahl der Anfälle, lasse sie weniger schwer sein und verschaffe überhaupt Linderung der tückischen Krankheit. Kontrollierte Abgabe hieß damals vor allem: die richtige Dosis finden und sehr gute Qualität verabreichen (3).

Der Rausch steht nicht im Mittelpunkt!

Eines ist sehr interessant: wenn Ärzte beschreiben, wie sich ihre Patienten die Arbeitsfähigkeit zurückerobern! (4) Es wurden sogar Fälle berichtet, in denen den Patienten ein ganz neues Leben vergönnt war (5).

Was bei all dem auffällt: Zwar finden auch Nebenwirkungen Erwähnung. Zudem gibt es hier natürlich wie bei jeder Medizin Fälle, bei denen Cannabis einfach nicht wirkt. Dass es aber im großen Stil versagt oder gar gefährlich sei, diese Aussage findet sich nicht. Im Gegenteil, mehrfach heißt es, dieses Heilmittel sei besonders ungefährlich (6).

Wichtig: Damals war der Rausch nur Nebenwirkung. Für eine Linderung der Beschwerden nahm man das in Kauf! Rausch war nicht Selbstzweck, jedenfalls nicht bei medizinischer Anwendung.

Ungefähr 100 Jahre lang war Cannabis somit eines der wichtigsten, wenn nicht gar das Anti-Migräne-Mittel. Vgl. William Osler: “Cannabis indica is probably the most satisfactory remedy.” (7)

Warum kennt heute fast niemand mehr dieses Mittel gegen Migräne?

Weil es verboten wurde. Das ist der einfache Grund, warum es ganz plötzlich von der Bildfläche verschwand. Schlag auf Schlag wurde es aus den Arzneimittelverzeichnissen gestrichen. Die Folgen waren fatal.

Wir haben heute nämlich glatt vergessen, was Cannabis alles kann. 100 Jahre Medizingeschichte – ausradiert. Wer sich damit beschäftigen möchte, fängt quasi bei Null an. Erkenntnisse, die schon mal präsent waren, müssen heute mühselig ausgegraben werden.


Cannabis ist eine Heilpflanze!

Wir haben viel Wissen verloren. Ich plädiere dafür, das zu ändern. Denn der Grund für das Verbot war nicht etwa, dass Cannabis so gefährlich ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Medikamenten ist es sogar arm an Nebenwirkungen. Einem möglichen Missbrauch kann mit ärztlicher Kontrolle entgegengewirkt werden. Ansonsten ist es schlicht eine Frage der richtigen Dosierung, ob und wie es wirkt. Wie bei jeder anderen Heilpflanze auch!

Seit langem gibt es von der Seite der Pharmaindustrie Medikamente mit Wirkstoffen aus dem Hanf (Dronabinol, Sativex, Epidiolex und weitere). Das allein zeigt schon, welch gewaltiges medizinisches Potenzial darin ruht.

Nutzen wir es. Es kann so vielen Menschen helfen.


Tipp zum Weiterlesen

Vor wenigen Tagen verstarb Lester Grinspoon, einer der beiden Autoren des wunderbaren Buches “Marihuana. Die verbotene Medizin” (Verlag Zweitausendeins, 1995). Er wurde 92 Jahre alt.

Gedenken wir seiner, indem wir stets neugierig bleiben, lesen, uns weiterbilden und unser Wissen weitergeben! https://en.wikipedia.org/wiki/Lester_Grinspoon

Mehr Lektüretipps findest du in meiner Bücherkiste.


Quellen

Hauptquelle:

Ethan Russo, Hemp for Headache, 2001, ab S. 30 in dem Kapitel “Industrial Age Western Medical Usage of Cannabis.”

Darin:

1) “… very effective in some forms of neuralgia … and Migraina.Waring 1874, zit nach Russo S. 36.

2) “Recollect that hemp eases pain without disturbing stomach and secretions so often as opium, and that competent men think it not only calmative, but curative. … It will, at times, fail. So do other drugs.Mattison 1891, zit nach Russo S. 47.

3) “Cannabis indica ist probably the most potent remedy which is at our command. … many cases of hemicrania have been cured by this means alone. … The drug must be of good quality …Sinkler 1886, zit nach Russo S. 39.

4) “I have met with patients who have been incapacitated for work from the frequency of the attacks, and who have been enabled by the use of Indian hemp to resume their employment.Suckling 1891, zit nach Russo S. 46.

5) “The prolonged use of cannabis indica … has affordes such relief that the nervous system has had time to regain long-lost vigor and the patient is in better health than for many years.” Lothrop 1880, Russo S. 38.

6) “He [the patient] has since taken the ordinary dose on several occasions, not only without any toxic effects, but with marked relief of migraine …” Tirard 1890, zit nach Russo S. 45.

7) William Osler in Practices and principles of Medicine, Abschnitt Migräne. Ausgabe 1911, S. 1068 https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.37188/page/n1085/mode/2up

Sonstige:

I wish to lay special stress on the prophylactic treatment of migraine. … It is doubtful wether any combination of more modern drugs promises better success.Spender 1884, zit nach Russo S. 39.

Cannabis brought him more relief than he had obtained from any other substance.Shoemaker 1899, zit nach Russo S. 49.

Cannabis indica, which has been given in migraine vor many years, still holds a prominent place among the medical agents used in its treatment.Sinkler 1890, zit nach Russo S. 45.

Cannabis indica is one of the most valuable remedies for megrim or sick headache. … It is most useful, in my experience, in preventing the attack.Sidney Ringer 1886, zit nach Russo S. 40.

I am confident that in my hands recovery has more frequently followed cannabis indica in migraine than bromides in epilepsy.Greene 1888, zit nach Russo S. 43.

… it’s prolonged usage is capable of diminishing the frequency and intensity of the migraine attacks.Mackenzie 1894, zit nach Russo ebenda.

It is not dangerous and its effects are never alarming, and I have come to regard it in this form as a useful und refreshant stimulant and food accessory … abuse is rare … I believe it to be an exceedingly useful therapeutic agent, one not likely to lead to abuse, and producing in proper dosage no untoward after-effects.Dixon 1899, Russo S. 50.

I never allow my patients to take opium or morphia themselves in this diseaseSeguin 1877 / 78, zit nach Russo S. 37.

Auch der Leibarzt von Queen Victoria nutzte übrigens Cannabis gegen ihre Kopfschmerzen! Russo S. 34.

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